Pressestimmen

Konzertchor und die Kammerphilharmonie Mannheim
mit Händels „Messias" in Zwölf-Apostel-Kirche

Von Alois Ecker | Die Rheinpfalz vom 15.11.2016

Sternstunde der Kirchenmusik



Ein restlos begeistertes Publikum feierte am Sonntagabend in der Frankenthaler Zwölf-Apostel-Kirche den Konzertchor und die Kammerphilharmonie Mannheim. Zusammen mit vier exzellenten Gesangssolisten hatten sie das Oratorium „Der Messias" von Georg Friedrich Händel aufgeführt und dank einer beeindruckenden Gemeinschaftsleistung eine kirchenmusikalische Sternstunde beschert.
Eigentlich ist dieses Prädikat noch untertrieben, dauerte das Werk, das zu den populärsten Schöpfungen geistlicher Musik zählt, doch stolze 160 Minuten und verlangte nicht nur von den über 100 Mitwirkenden im Altarraum einiges ab, auch den auf den harten Kirchenbänken ausharrenden Besuchern. Trotz der Länge des Oratoriums mit seinen zahlreichen fugenartig aufgebauten Sätzen und Wiederholungen blieb der Spannungsbogen bis zum letzten Akkord erhalten. Dies war in erster Linie das Verdienst des Dirigenten Lionel Fawcett, der - sparsam in seinen Bewegungen - mit viel Umsicht und Routine die Musiker und Sänger zu einer homogenen Einheit formte. Die 24 Instrumentalisten der Kammerphilharmonie Mannheim transportierten bei aller orchestralen Schlichtheit der Partitur die Feinheiten der barocken Händelschen Tonsprache authentisch. Und zugleich verliehen sie den Tuttisätzen - auch dank einer begnadet intonierenden Solotrompete – triumphalen Glanz. Für das unverzichtbare Basso-continuo-Fundament sorgte die aufmerksam begleitende Organistin Elke Völker.
Nicht minder hervorzuheben ist neben der gesanglichen auch die bemerkenswerte physische Leistung des Konzertchors der Stadt Mannheim, der - voll konzentriert – keine schwachen Momente zuließ und mit exakten Einsätzen ebenso überzeugte wie mit einer verständlichen Aussprache des englischen Originaltextes. Steigerte sich der Chor zum Fortissimo, war die Dominanz der Sopranstimmen bisweilen nicht zu überhören. Beim Höhepunkt des Werks, dem mit hinreißenden Schwung und Strahlkraft gesungenen „Hallelujah", war der österliche Jubel regelrecht zu spüren.
Der im Jahre 1742 entstandene "Messias" gliedert sich in drei Teile. Zunächst wird von der Geburt Christi berichtet, dann das Leiden und die Auferstehung thematisiert, um dann die Erlösung aller Sterblichen zu verkünden. Dem feierlichen Grave der Ouvertüre folgt ein milder Streichersatz, mit dem das verheißungsvolle Tenorsolo eingeleitet wird - sehr beweglich und brillant umgesetzt durch Thomas Jakobs. Den frohe Zuversicht verbreitenden Part der Prophezeiung der Ankunft des Erlösers übernimmt der Altus, dem Thomas Nauwartat-Schultze ein betont ausdrucksstarkes Gepräge gab.
Das beschwingte Jubellied des frohlockenden Verkündigungsengels ist dem Sopran vorbehalten und wurde von der jungen Sarah Kehder ebenso wie die liebliche Arie "Er weidet seine Schar" mit weichem Timbre und sicherer Stimmführung gesungen. Während der Beginn des zweiten Teils in schmerzvolle und dunkle Farben getaucht ist, bricht sich der Jubel über die Auferstehung und das Pfingstwunder immer stärker Bahn. Der markante Kontrapunkt der Bass-Arie "Warum denn rasen die Heiden" war ein Paradestück für Jan-Ole Lingsch, der im Solistenquartett den stärksten Eindruck hinterließ.
Der voluminöse Bass war es auch, der im dritten Teil, der den Sieg über Tod und Sünde proklamiert, die nachhaltigsten Akzente setzte. Seine kraftvolle Arie .,Die Tromba erschallt" - von schmetternden Trompeten begleitet - sorgte beim Publikum ebenso wie der dreiteilig angelegte Schlusschor, der in einem verklärenden Amen gipfelt, für Gänsehautmomente.
Stehend krönten die Zuhörer das hochkarätige Benefizkonzert des Frankenthaler Rotary Clubs mit frenetischem Beifall.

Klassik:
Lionel Fawcett verabschiedet sich

Von wb | Mannheimer Morgen vom 14.11.2016

Glanzvoller „Messiah“

Kann man sich den Abschied vom Lebensberuf beglückender, erfüllter vorstellen als so, wie es dem Sänger und Gesangs-pädagogen Lionel Fawcett in der voll besetzten Zwölf-Apostel-Kirche widerfuhr? Mit einer glanzvollen Aufführung des "Messiah" von Georg Friedrich Händel in der Originalsprache durch seinen Konzertchor der Stadt Mannheim, die Kammerphilharmonie Mannheim und ein erstklassiges Soloquartett. "Der Deutsche Händel machte in England Karriere, der Brite Fawcett in Deutschland" attestierte der mitgeigende Pädagogenkollege Achim Ringle im warmherzigen Grußwort. 32 Jahre lang war Fawcett eine der prägenden Persönlichkeiten an der Mannheimer Musikschule. Nun leitete er zum letzten Mal eines der wichtigsten Oratorien, mit sicherem Gespür für "richtige" Tempi und unaufgeregter Souveränität.
Der bestens vorbereitete Chor absolvierte die koloraturenreichen, zum Teil rasend schnellen Chorfugen, das glanzvolle "Hallelujah" und die gefürchtete A-cappella-Passage "Since by man came death" makellos mit spürbarem Engagement. Ohne Fehl auch die Kammerphilharmonie mit Elke Völker an der Continuo-Orgel. Ein Sonderlob der jungen Solotrompeterin und der flexiblen Streichermannschaft, die das Tempo der Bassarie "Why do the nations" locker mitging. Womit wir bei den fabelhaften jungen Solisten Sarah Kehder (Sopran), Thomas Nauwartat-Schultze (Altus), Thomas Jakobs (Tenor) und Jan-Ole Lingsch (Bass) wären, einander ebenbürtig in vokaler Pracht und Stilsicherheit. Mit einer kleinen Ansprache und einem "Hallelujah"-Dacapo dankte der sichtlich bewegte Lionel Fawcett für den frenetischen Schlussbeifall. Bild: jwd

 

Interview: Lionel Fawcett über seinen Abschied als Leiter des Mannheimer Konzertchores

Von Stefan M. Dettlinger | Mannheimer Morgen vom 11.11.2016

 „Man soll aufhören, wenn es gut läuft“

Zu Besuch beim "MM": Sänger und Chordirigent Lionel Fawcett im Gespräch mit Kulturchef Stefan M. Dettlinger.
Rund 30 Jahre ist es her, dass dieser Mann in Mannheim den Kammerchor an der Musikschule übernahm, zum Henry-Purcell-Chor ausbaute und dann auch noch einen großen Bürgerchor gründete - den Konzertchor der Stadt Mannheim. Hier wollte Lionel Fawcett allen Bürgern, ob sehr oder auch nur weniger begabt, die Möglichkeit geben, mit anderen Musik zu machen. Am Wochenende tritt er mit zwei Konzerten von dieser Bühne ab - ein Gespräch über seinen Abschied als Chordirigent.

Herr Fawcett, Sie hören nach 30 Jahren auf. Wie schwer ist das?
Lionel Fawcett: Gar nicht. Im Moment jedenfalls. Vielleicht kommt das noch. Ich spüre, jetzt bin ich fast 73 Jahre alt, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Die ganze Chorarbeit habe ich ja mit meiner Frau gemacht, ohne sie hätte nichts funktioniert. Wir sind zwar Teil der Musikschule, aber wir kriegen kein zusätzliches Geld für den Chor. Für die "Messias"-Konzerte brauchen wir 18 000 Euro. Das finanzieren wir über Spenden und Eintrittsgelder.
Und wie sieht es mit dem Abschied als Pädagoge aus?
Fawcett: Als Pädagoge gibt es keinen. Das geht weiter. Es gibt viel Interesse. Ich könnte zwei, drei Tage unterrichten. Darauf freue ich mich. Ab und zu werde ich auch noch Liederabende geben. Musiker hören ja sowieso nie auf. Außerdem will ich noch ein weiteres Buch über klassischen Gesang schreiben, basierend auf einer New Yorker Gesangsmethode. Eine verblüffende Sache, die meinen Blick total verändert hat.
Zum Abschied dirigieren Sie am Wochenende noch zweimal Händels "Messias" - weil Händel wie Sie ein Engländer war, oder weil Sie das Werk so lieben?
Fawcett: Bei uns ist das fast die Nationalhymne. Jeder Chor singt das, viele auswendig. In England stehen die Leute auf, wenn sie das "Halleluja" hören. Das war schon bei Händel so. Außerdem: Das war das erste Oratorium, das ich je gehört habe - als Domknabe in meiner Heimat.
Wie fände Händel den Brexit?
Fawcett: Händel war ja Kosmopolit, der aus Deutschland stammte, in Italien war und Karriere in England gemacht hat - solche Leute, die groß und übergreifend denken, sind doch gegen den Brexit. Händel wäre sicherlich entsetzt gewesen.
Und Sie?
Fawcett: Ich bin schockiert. Ich hätte nie geglaubt, dass so etwas möglich wäre. Ich bin zu einer Zeit nach Deutschland gekommen, als England noch gar nicht in der EU war. Und die Briten haben auch nach dem Eintritt in die EU die ganze Sache gebremst. Der Skandal ist, dass der Brexit eine Fehde zwischen zwei Typen war, die in Eaton auf die gleiche Schule gegangen sind. Die Eliten bestimmen da alles. Die kommen alle aus Oxford, Cambridge oder sonstigen Elite-Universitäten.
Die Jugend würde sich nicht mehr für Klassik interessieren, sei überhaupt politik- und kulturlos - so lauten die gängigen Klischees konservativer Bürger. Wie haben Sie das drei Dekaden lang erlebt?
Fawcett: Mein erster Reflex: Es gibt keine große Veränderung. Es gibt immer noch Bildungsbürger. Wenn auch weniger. Nur: Wir an der Musikschule merken es nicht. Wir haben steigende Anmeldungen. Zum klassischen haben wir auch noch Popgesang. Da kommen sehr viele. Aber auch das Interesse an klassischem Gesang ist ungebrochen. Wir könnten noch mehr machen. Aber Leute mit großer Begabung - die sind weniger geworden, auch weil in den Familien immer weniger gesungen wird.
Vielleicht weil unsere Vorstellung von Gesang zu sehr von irgendwelchen Casting-Shows geprägt sind? Wer interessiert sich heute noch für Liederabende. Ein kleiner Kreis...
Fawcett: ...beim Liederabend wird man eben direkt emotional angesprochen und einbezogen - ohne Distanz. Das wollen die Leute gar nicht. Das ist ihnen unangenehm, manchen kommen da Tränen. Die meisten schützen sich. Und das geht einher mit einer allgemeinen emotionalen Verrohung der Gesellschaft.
Was meinen Sie?
Fawcett: Ein Beispiel: Bei einer Publikumsdiskussion in Paris kam neulich irgendwann eine Ministerin dazu, und da rufen die Leute plötzlich Schlampe. Und das waren zivilisierte Menschen! Also das hat es früher nicht gegeben. Das Kleine, Sensible geht unter. Die Kehrseite von der Sache ist dann die Sentimentalität. Das ist aber genau so schlimm.
Nicht schlimm ist wohl, dass Sie bald viel Zeit haben. Was werden Sie damit anfangen?
Fawcett: Man soll aufhören, wenn's gut läuft. Und das tut es. Also höre ich auf. Und die Zeit: Ich bin passionierter Gärtner und habe einen großen Garten mit viel Obst und Gemüse. Meine Frau und ich sind Slow-Food-Spezialisten. Ich freue mich, dass ich mich bald mehr darum kümmern kann. Insofern: Ich habe keine Zeit. (Bild: JSMS)

Lionel Fawcett, die letzten Konzerte und Nachfolgerin Santa
Lionel Fawcett: Geboren 1943 in Guildford, lebt der nette Brite seit 1968 in Deutschland und seit 1984 in Mannheim, wo er zunächst als Gesangslehrer, ab 1986 als Leiter des Kammerchors und ab 2002 als Dirigent des Konzertchors an der Musikschule arbeitete. Fawcett, der in London Gesang und Schulmusik studierte, gibt regelmäßig Liederabende.
Das letzte Konzert: Samstag, 12. November, 19 Uhr, in der 12-Apostel-Kirche Mannheim Vogelstang (Geraer Ring 7) und Sonntag, 13. November, 19 Uhr, Protestantische Zwölf-Apostel-Kirche, Frankenthal (Carl-Theodor-Straße 2). Auf dem Programm steht Händels "The Messiah".
Der Purcell-Chor: Er wird sich zunächst auflösen. Der Konzertchor der Stadt Mannheim aber bleibt bestehen und wird ab Januar 2017 von Juliane Santa (Bild) geleitet. Sie stammt aus einer Kieler Musikerfamilie, ist selbst Sopranistin und bereits seit 2015 an der Musikschule Mannheim tätig, wo sie auch schon den Kinder- und Jugendchor leitet (Kontakt: 0621/2938769)